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Zu viele KI-Ideen, zu wenig Fokus: Warum Priorisierung über Erfolg entscheidet

Die meisten Unternehmen haben heute ausreichend KI-Anwendungsfälle. Doch je länger die Liste wird, desto schwieriger werden die Entscheidungen. Dieser Beitrag zeigt, warum Priorisierung mehr bedeutet als die Auswahl guter Ideen und weshalb Fokus oft der entscheidende Erfolgsfaktor ist.

Das Problem war nicht der Mangel an Ideen

In einem Workshop zur Entwicklung einer KI-Roadmap lag die eigentliche Arbeit scheinbar schon hinter uns. Das Unternehmen hatte sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und bereits eine beeindruckende Liste möglicher Anwendungsfälle vorbereitet. Mehr als 50 Ideen waren zusammengekommen. Von automatisierten Vertriebsprozessen über Wissensmanagement bis hin zu Assistenzsystemen für die Produktion.
Die Stimmung war positiv. Schließlich gilt eine große Zahl an Ideen oft als Zeichen dafür, dass eine Organisation das Thema ernst nimmt. Also begannen wir mit der Priorisierung. Die Teilnehmenden diskutierten Nutzen, Aufwand, Risiken und Umsetzbarkeit. Nach einigen Stunden stand die Liste fest. Das Ergebnis: Zehn Use Cases mit Priorität 1. Im Raum wurde gelacht. Nicht, weil die Bewertung falsch war. Sondern weil allen sofort klar wurde, dass etwas nicht zusammenpasste. Wenn zehn Themen gleichzeitig höchste Priorität haben, dann hat keines davon wirklich Priorität. Interessanterweise erleben wir genau diese Situation immer wieder. Dabei liegt das Problem selten darin, dass Unternehmen nicht priorisieren können. Die meisten Organisationen verfügen über erfahrene Führungskräfte und etablierte Entscheidungsprozesse. Die eigentliche Herausforderung ist eine andere: Fast alle vorgeschlagenen Themen erscheinen sinnvoll. Und genau deshalb wird Priorisierung so schwierig.

 

Warum mehr Ideen nicht automatisch mehr Fortschritt bedeuten

Noch vor wenigen Jahren bestand die Herausforderung vieler Unternehmen darin, überhaupt sinnvolle KI-Anwendungsfälle zu identifizieren. Heute erleben wir häufig das Gegenteil. An Ideen mangelt es selten. Anwendungsfälle entstehen in nahezu jeder Abteilung. Der Vertrieb entdeckt Potenziale für die Kundenkommunikation. Die Produktion sieht Möglichkeiten in Qualitätskontrolle und Wartung. Das Marketing beschäftigt sich mit Content-Erstellung. Die Personalabteilung denkt über Wissensmanagement und Recruiting nach. Je intensiver sich ein Unternehmen mit KI auseinandersetzt, desto länger wird die Liste. Genau hier entsteht allerdings ein Denkfehler. Viele Unternehmen betrachten die Anzahl möglicher Anwendungsfälle als Zeichen von Reife. Tatsächlich wächst mit jeder neuen Idee vor allem die Komplexität der Entscheidung. Denn irgendwann stellt sich nicht mehr die Frage, ob ein Use Case sinnvoll ist. Die Frage lautet vielmehr, ob er aktuell wichtiger ist als alle anderen. Das verändert die Perspektive erheblich. Priorisierung bedeutet nämlich nicht, gute Ideen auszuwählen. Priorisierung bedeutet, sich bewusst gegen andere gute Ideen zu entscheiden.

 

Die eigentliche Ursache: Niemand möchte die falsche Entscheidung treffen

Hinter vielen KI-Roadmaps steckt ein Muster, das nur selten offen ausgesprochen wird. Viele Führungskräfte haben Sorge, einen potenziell wichtigen Anwendungsfall zu übersehen. Die Sorge ist nachvollziehbar. Kaum ein Technologiethema entwickelt sich derzeit so schnell wie KI. Neue Werkzeuge erscheinen im Monatsrhythmus. Wettbewerber veröffentlichen Erfolgsgeschichten. Branchenmedien berichten regelmäßig über Produktivitätsgewinne und neue Geschäftsmodelle. In diesem Umfeld entsteht leicht das Gefühl, möglichst viele Chancen verfolgen zu müssen.
Was passiert, wenn genau der Use Case zurückgestellt wird, der später den größten Nutzen gebracht hätte? Was passiert, wenn die Konkurrenz schneller ist? Was passiert, wenn man eine wichtige Entwicklung verpasst? Diese Unsicherheit führt häufig dazu, dass Unternehmen nicht weniger Themen starten, sondern mehr. Aus Priorisierung wird Parallelisierung. Und genau an diesem Punkt beginnt die Wirkung vieler KI-Initiativen zu sinken.

 

Warum zehn Priorität-1-Themen selten zu zehnmal mehr Erfolg führen

Auf den ersten Blick wirkt es logisch, mehrere vielversprechende Vorhaben gleichzeitig voranzutreiben. Schließlich möchte niemand unnötig Zeit verlieren. In der Praxis sieht die Realität oft anders aus. Jedes zusätzliche Projekt benötigt Aufmerksamkeit. Fachbereiche müssen eingebunden werden. Daten müssen aufbereitet werden. Entscheidungen müssen getroffen werden. Mitarbeitende müssen Zeit investieren. Führungskräfte müssen Fortschritt verfolgen. Je mehr Initiativen parallel laufen, desto stärker verteilen sich diese Ressourcen. Das Ergebnis kennen viele Unternehmen aus anderen Transformationsprojekten: Überall passiert etwas, aber nirgendwo passiert genug. Projekte kommen langsamer voran. Entscheidungen werden aufgeschoben. Teams verlieren den Überblick. Die Organisation wird zunehmend mit Veränderung belastet. Von außen sieht die Roadmap beeindruckend aus. Von innen entsteht jedoch häufig Frustration. Nicht weil die Ideen schlecht wären, sondern weil die Organisation mehr Vorhaben verfolgt, als sie gleichzeitig umsetzen kann.

 

Erfolg entsteht nicht durch Aktivität, sondern durch Wirkung

Die erfolgreichsten KI-Initiativen, die wir beobachten, unterscheiden sich oft in einem entscheidenden Punkt von weniger erfolgreichen Programmen. Sie starten nicht mit möglichst vielen Anwendungsfällen. Sie starten mit wenigen. Diese Unternehmen konzentrieren sich zunächst auf die Themen, die einen klaren geschäftlichen Nutzen versprechen und gleichzeitig realistisch umsetzbar sind. Sie schaffen sichtbare Ergebnisse, sammeln Erfahrungen und bauen Vertrauen in der Organisation auf. Erst danach folgen weitere Schritte. Das klingt wenig spektakulär. Tatsächlich widerspricht es sogar dem Impuls vieler Organisationen, möglichst schnell möglichst viel zu bewegen. Langfristig zahlt sich dieser Fokus jedoch fast immer aus. Ein erfolgreich umgesetzter Use Case erzeugt mehr Glaubwürdigkeit als zehn Pilotprojekte, die nach Monaten noch immer keinen sichtbaren Nutzen liefern. Mitarbeitende gewinnen Vertrauen in neue Arbeitsweisen. Führungskräfte erhalten belastbare Erkenntnisse. Die Organisation lernt, welche Voraussetzungen für weitere Initiativen geschaffen werden müssen. Genau dadurch entsteht nachhaltiger Fortschritt.

 

Eine gute KI-Roadmap beantwortet nicht die Frage „Was noch?“

Viele Unternehmen betrachten ihre KI-Roadmap als Sammlung von Möglichkeiten. Aus unserer Sicht sollte eine Roadmap jedoch vor allem eines leisten: Fokus schaffen. Sie sollte nicht beantworten, welche Ideen theoretisch denkbar wären. Sie sollte beantworten, welche wenigen Themen jetzt die größte Wirkung erzeugen. Denn die entscheidende Ressource in einer Transformation ist selten die Technologie. Häufig sind es Aufmerksamkeit, Zeit und Veränderungsfähigkeit. Und diese Ressourcen sind begrenzt. Deshalb ist die wichtigste Priorisierungsfrage oft nicht:
„Welcher Use Case hat die höchste Priorität?“ Sondern: „Wie viele Priorität-1-Themen können wir gleichzeitig erfolgreich umsetzen?“
Die Antwort fällt meist deutlich kleiner aus als ursprünglich geplant.

 

Fazit: Weniger gleichzeitig bedeutet oft mehr Wirkung

Die meisten Unternehmen haben heute kein Ideenproblem. Sie verfügen über ausreichend Anwendungsfälle, um ihre Roadmap für die nächsten Jahre zu füllen. Der Engpass liegt an einer anderen Stelle. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, den Mut zu haben, sich bewusst auf wenige Themen zu konzentrieren. Das fühlt sich zunächst langsamer an. In der Praxis beschleunigt es die Umsetzung häufig erheblich. Denn Wirkung entsteht selten dadurch, dass zehn Initiativen gleichzeitig gestartet werden. Wirkung entsteht dort, wo ein Unternehmen die wichtigsten Themen konsequent abschließt, daraus lernt und auf diesen Erfolgen aufbaut. Manchmal ist die wichtigste Entscheidung einer KI-Strategie deshalb nicht, was man als Nächstes beginnt. Sondern worauf man vorerst bewusst verzichtet.

 

Lassen Sie uns sprechen!
 

Wahid Shahidinejad

 

Wahid Shahidinejad ist Senior Consultant bei SEQLY und begleitet Unternehmen bei der Entwicklung von Data & AI Strategien sowie bei der Priorisierung von Digitalisierungs- und KI-Initiativen. In Workshops erlebt er regelmäßig, dass die größte Herausforderung nicht im Finden neuer Ideen liegt, sondern darin, sich auf die wenigen Themen zu konzentrieren, die tatsächlich den größten Unterschied machen.

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